Senegal - Schüleraustausch mit dem Lycée Ameth Fall in St. Louis 2003

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Meine erste große Reise ging mit einer kleinen Gruppe von Schülern des Städt. Gymnasiums Haan nach Westafrika - in den Senegal. Benita und ich haben damals ein Tagebuch verfasst.

Gruppenfoto in traditioneller Kleidung
25. Januar Wir starten gegen 14 Uhr in Düsseldorf in Richtung Paris. Für einige ist es der erste Flug, die meisten sind total begeistert (Zitat kurz nach dem Start: "Geil, geil, geil, ich werd' Pilot" - ratet mal, wer das war...). Am Pariser Flughafen kommt eine Bemerkung auf: "Boah, die ham' ein paar Löcher in 'nen Bunker gebohrt und verkaufen das als Flughafen". Abends um 22h in Dakar angekommen sind alle total erschöpft und warten auf den Bus... na ja, eigentlich würde die Bezeichnung Sardinenbüchse besser passen. Wir freuen uns erst riesig, den aufdringlichen Kofferträgern und den Bettlern entkommen zu können, bis wir erfahren, dass wir zu 20 Leuten (17 Schülerinnen und Schülern und drei Lehrerinnen), 20 Koffern und mindestens eben so vielen Rücksäcken in den Kleinbus passen sollen. Irgendwie schaffen wir es dann tatsächlich (mehrere Personen übereinander, auf, neben und zwischen den Koffern sitzend), beim Hotel anzukommen.

Bus / "Sardinenbüchse"
26. Januar Gut gestärkt vom Frühstück (halbgebackene Croissants, roter und gelber undefinierbarer Saft...) geht es los zum Hafen. Von dort aus fahren wir mit einer vollbesetzten Fähre zur Sklaveninsel Gorrée, wo wir mit den Füßen ins Meer gehen, ein Museum besichtigen und in einem Restaurant zu Mittag essen. Von dem anstrengenden Tag werden wir bestimmt Bobo und seinen "Kifferfreund" in Erinnerung behalten. Zu Anfang möchte er uns freundlich zu senegalesischem Tee einladen, später verlangt er aber für ein Foto, das wir von ihm machen möchten, Geld, da er ja "a very popular artist in Germany" sei und wir mit seinem Foto bestimmt Geld machen würden...

Sklaveninsel Gorée
27. Januar Am Morgen herrscht große Freude: Zu unserem kleinen Bus, der uns von Dakar nach St. Louis bringen soll, wird ein PKW gemietet, der unser Gepäck transportiert, so dass es auf der Fahrt nicht ganz so eng wird wie bei der ersten. Bei fast 30°C schwitzen alle, und die Pause am "Lac Rose", einem aufgrund seines hohen Salzgehaltes rosa scheinenden See, kommt gerade recht. Nach über vier Stunden Fahrt werden wir am Lycée Ameth Fall in St. Louis herzlich begrüßt und können kurze Zeit später unsere Hotelzimmer beziehen. Dafür haben wir aber nicht viel Zeit, da wir zum Abendessen wieder in der Schule sein müssen. Es gibt Yassa Poulet, das Nationalgericht, bestehend aus Hähnchenfleisch, Reis und Zwiebelsoße.

Yassa Poulet bei der Taufe
28. Januar Jetzt ist es schon wieder fast 10 Uhr. Wir frühstücken bei sonnigen Temperaturen auf der Dachterrasse, dannach geht es in ein Museum über Architektur, Geschichte und Politik von St. Louis und die Tierwelt des Sénégal. Eigentlich wollten wir am Unterricht teilnehmen, da die Lehrer des Lycée Ameth Fall aber streiken, fällt unser Vorhaben ins Wasser.

Der "rosafarbene See"

29. Januar Morgens besuchen wir den Gouverneur in seinem Palast, außer einer Boxershorts im Badezimmer deutet nichts darauf hin, dass hier jemand wohnt. Später besuchen wir noch den obersten Richter der Stadt und müssen uns beeilen, damit wir rechtzeitig zu Djibi kommen, der uns zur Taufe seines sieben Tage alten Sohns eingeladen hat. Im Islam ist es üblich, dass Neugeborene im Alter von einer Woche getauft werden und vom Vater einen Namen bekommen, den die Mutter des Kindes erst am Tag der Taufe erfährt. Die Zeremonie bekommen wir leider nicht mehr mit, aber um so mehr genießen wir nach dem anstrengenden Vormittag das Essen und die kalten, erfrischenden Getränke. Übrigens ist das "Leitungswasser" im Senegal für uns ungenießbar und möglicherweise gesundheitsschädlich und gekühlte Cola oder die von vielen geliebte "Fanta Cocktail de Fruit" kann bei Hitze das Größte sein. Am Abend geht's für die meisten noch in die Disco.

Ein Nachmittag am Strand


30. Januar Heute heißt es wieder: "zwei Stunden Unterricht". In der Schule angekommen, erfahren wir aber, dass wir zuerst einige Zeit im Computerraum verbringen und ins Internet gehen dürfen. Alena schreibt auch direkt eine EMail an die Schule, die als erster Live-Bericht veröffentlicht wird. Von Unterricht kann aber dann doch keine Rede sein (was uns eigentlich auch nicht überrascht). Auf die äußerst anstrengenden und anspruchsvollen beiden Stunden in der Schule folgt ein Besuch beim Bürgermeister, der aber bei unserer Ankunft trotz vereinbartem Termin noch keine Zeit hat. Nach mindestens einer dreiviertel Stunde Wartezeit wird uns gesagt "Es dauert noch höchstens 15 Minuten.". Bei unserer Erleichterung haben wir aber nicht beachtet, dass es sich um "WAIT" ( = West African International Time), also senegalesische Zeit handelt, das heißt, dass wir wiederum eine Stunde warten müssen. Und das alles um den Bürgermeister zu begrüßen und nach fünf Minuten wieder zu gehen. Der Nachmittag dieses Tages besteht aus einer Fahrt zum Strand. "Fahrt" stimmt aber nicht ganz, circa einen halben Kilometer vor unserem Ziel erleidet der öffentliche Bus, der für senegalesische Verhältnisse noch in gutem Zustand zu sein scheint, Achsbruch und wir müssen den Rest der Strecke laufen. Für die meisten lohnt sich dieser kurze Weg aber allein schon für das Foto und die Story, die zuhause erzählt werden kann.
Der superfeine Sandstrand ist zu unserer Überraschung fast vollkommen frei von Müll, nur die Händler lassen uns auch hier nicht in Ruhe. Nach einer Runde Schwimmen, Kartenspielen und Jo im Sand einbuddeln, gibts es zur Stärkung ein aus Baguette, Schmierkäse, Bananen, Äpfeln und einer kühlen Cola bestehendes Essen. Der Bus bleibt unerwarteter Weise bis zum Hotel heil.

Das Lycée Ameth Fall

31. Januar Heute fahren wir in den Djoudj. Der Bus kommt anderthalb Stunden später als erwartet, also sind wir ganz umsonst um sechs Uhr aufgestanden. Endlich gehts es los, über 40 Kilometer holprige Landstrasse, wenn man das überhaupt als Straße bezeichnen kann. Natürlich kommt unser Fahrer auch nicht auf die Idee, auf der Strasse zu fahren, sondern nimmt den "Highway" daneben, denn so umfahren wir die ganzen Schlaglöcher und die Strasse wird auch nicht so abgenutzt... ( Tuff, tuff, tuff, wir fahren in den Djoudj, wir fahren in den Senegal, und wenn wir da sind, sehn wir mal...) Das ATF (African Transport Feeling) ist echt Ölsardinenmaessig... Im Djoudj angekommen ist die erste "Attraktion" eine Python neben dem Strassenrand, danach steigen wir in einen Einbaum, ein kleines Boot, das uns zu den Pelikanen bringen soll. Kurze Zeit später bekommen wir am Ufer und in der Luft nicht nur schwarze und weisse Pelikane, Weisskopfadler und andere Vögel zu sehen, sondern auch Krokodile, Warzenschweine und einen Waran. Leider neigt sich dieser interessante Nachmittag schnell dem Ende zu. Zur Rückfahrt müssen wir hier glaub ich nichts mehr sagen...

Tanzen in Ngalele


1. Februar Heute findet ein großes Schulfest (bzw. Sportfest) im Lycée Ameth Fall statt. Das Programm: Gruppentänze, Sketchs (über die Lehrer...) , Tänze usw. Außerdem ist ein bekannter Star zu Gast; überall stehen Bodyguards. Natürlich läuft ununterbrochen das Lied "Dilemma" von Nelly & Kelly Rowland, was man im Senegal überall zu hören bekommt... Oh, was war das? Bei einer Tanzgruppe bricht die Bühne zusammen - sie wurde nicht richtig aufgebaut. Die Gruppe tanzt aber einfach weiter, da ein Teil der Bühne ja noch steht, während 6 Männer sie wieder aufbauen. Nach dem Programm auf dem Sportplatz gibt es im Foyer noch Cocktails und Snacks, d.h. Baobab-Saft, Bisap (ein roter Sirup aus Hibiskusblüten), Gebäck, Fleischröllchen und Popcorn (gesalzen UND gezuckert !).

2. Februar Wir brechen früh auf in ein afrikanisches Dorf namens Ngalele (Ngalele hat 3.874 Einwohner). Im Dorf hat jeder einen Partner bzw. eine Partnerin zugeteilt bekommen. Zuerst machen wir eine kleine Tour durchs Dorf, in der wir u.a. die Krankenstation und die zwei Grundschulen besuchen. Danach kehren wir zum "Platz der Freundschaft" zurück, wo wir unsere Freundschaft durch eine Geste besiegeln: wir pflanzen Bäume. Wir essen zu mittag und tanzen natürlich. Viele Mädchen lassen sich von ihren Partnerinnen Zöpfe flechten. Nachmittags bieten uns die Bewohner von Ngalele eine Show, die hauptsächlich traditionelle Tänze beinhaltet.

3. Februar Morgens gehen wir mit unseren Austauschpartnerinnen einkaufen, da wir ja schließlich auch etwas aus dem Senegal mitbringen müssen... Die am häufigsten gekauften Sachen sind Trommeln (eine mittelgroße Trommel kostet ca. 16 Euro), Stoff bzw. Gewänder, Holzfiguren, Schmuck und T-Shirts bzw. Hosen (z.B. T-Shirts von Fußballspielern... ). Um 14:30 Uhr treffen wir uns dann im Lycée Ameth Fall, um unseren Deutschnachmittag vorzubereiten, der für 16 Uhr angesetzt war, aber dann doch - ganz nach senegalesischem Zeitgefühl - erst gegen 17.30 Uhr losgeht. Als erstes singen wir ein paar Lieder mit Begleitung von Frau Haas (Querflöte), Alena (Geige) und Alex (Gitarre). Darauf folgt ein Tanz von Benita, Vanessa, Lisa, Anja, Nicola und Rebecca - die Senegalesen sind begeistert... Zum Schluss verteilen wir selbstgebackene Waffeln und mitgebrachtes Pumpernickel mit Käse.

4. Februar Leider neigt sich unser Besuch hier dem Ende zu... Um 9:00 sind alle Koffer gepackt und jeder hat gefrühstückt... Doch es gibt Geldprobleme: die Bank ist geschlossen und die Hotelrechnung muss bezahlt werden... Nach dem Zusammenkratzen aller privaten Reste und Notreserven ist der Hotelinhaber einigermaßen zufrieden - jetzt müsste nur noch der Bus auftauchen, der uns nach Dakar bringen soll. Um 13:30 Uhr können wir endlich starten - geplant war Aufbruch um 10:00 Uhr - das ist eben WAIT (West African International Time)... Die Rückfahrt nach Dakar verläuft ähnlich wie unsere vorherigen Busfahrten. Unterwegs treffen wir noch vier Dromedare (ECHTE!) und ziemlich viele (teilweise sogar auf Autodächern festgebundene) Ziegen. Außerdem fällt Hendrika auf, dass alle Autos entweder einen Madonna- oder einen Bin-Laden Sticker tragen... Als wir vier Stunden Fahrt hinter uns hatten, kommen wir schließlich am Flughafen Dakar an. Nach dem Einchecken und ein bisschen Warten (!) geht's dann ab nach Paris...
Warten am Flughafen Paris
5. Februar Unser Flugzeug startet gegen Mitternacht und landet gegen 6 Uhr früh in Paris. Dort frühstücken wir erst mal und müssen dann noch einige Stunden auf unseren Flug nach Düsseldorf warten. Die Zeit vertreiben wir uns mit singen, schlafen, quatschen und mit nachdenken über die vergangenen Tage im Senegal und über die erlebten Ereignisse. Kurz bevor es weitergeht ziehen alle, sofern vorhanden, senegalesische Gewänder an, um in Düsseldorf ein wenig "Africa Feeling" an unsere Familien weitergeben zu können... Wie einer so schön sagte: "Auch wenn diese Reise am Flughafen Düsseldorf endet, wird sie in unseren Köpfen ewig am Leben bleiben!"

Kommentar Dezember 2013

Ich lese mir gerade diesen Text zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder durch. Ich kann mich zwar an einiges noch erinnern, muss aber auch oft schmunzeln und merke, wie diese wenigen Zeilen meiner Erinnerung wieder auf die Sprünge helfen. Wenn ich die Zeit finde und wieder in Deutschland bin, werde ich mich mal mit dem Scannen der alten Fotonegative beschäftigen und vielleicht den Text noch ein wenig ergänzen. Schöne Erinnerungen!

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