Wind, Wolken, Wellen - Fliegen in den Französischen Alpen

08:10 Einsame Insel.de 0 Comments

Extrem starker Wind, milde Temperaturen, keine Thermik… nicht unbedingt die besten Wetterbedingungen für den Flachlandflieger, wie ich es einer bin. Zuhause – das heißt auf meinem Heimatflugplatz Leverkusen und in näherer Umgebung – schaue ich mir abends den Wetterbericht an. Haben die bunten Bildchen auf den einschlägigen Websites die richtigen Farben, starte ich am nächsten Morgen hochmotiviert mit meiner thermikschnüffelnden Libelle.

Eine Welle, wie sie im Buche steht...
Und jetzt sitze ich am Flugplatz in Puimoisson, an den Südlichen Ausläufern der französischen Seealpen und höre mir die Wettervorhersage in gebrochenem Englisch an. Wir sind ja in Frankreich, da ist man das gewohnt. Trotzdem habe ich ein bisschen das Gefühl, mich auf deutschem Boden zu befinden, weil außer dem neuen „Chefpilot“ fast jeder hier deutsch spricht. Die Einrichtung in unseren „Chalets“ scheint vollständig aus einem schwedischen Möbelhaus in Deutschland zu stammen und sogar die Steckdosen entsprechen den deutschen Standards.

Sonntagmorgen: Lentis soweit das Auge reicht.


Guillaumes zeigt uns die Windkarten für den heutigen Tag: Es herrscht Mistral – vielleicht noch die ganze nächste Woche – und die Windkarte kommt in Teilbereichen nicht mehr mit der Farblegende für die Windstärke aus. Alles über 70kt (rund 130 km/h) wird weiß dargestellt… und da ist ganz schön viel weiß auf manchen Karten. Dass ich hier einen Einweisungsflug im Doppelsitzer brauchen würde, war klar, aber dass das Wetter so Libellen-unfreundlich werden würde, war mir nicht klar. Erst mal den ersten Flug abwarten…



Knapp 6000 Meter Höhe und im Rotos Steigwerte bis zu 9,6 m/s.


Die Vorbereitungen stellen sich als deutlich umständlicher heraus als in der normalen Überlandfliegerei, wie ich sie gewohnt bin. Zwar war ich schon zweimal in den Alpen zum Fliegen (2010 in St. Auban und 2013 in Lienz), aber den echten französischen Mistral habe ich noch nicht kennengelernt. Alles muss im Flugzeug vernünftig verstaut und befestigt werden, die Sauerstoffanlage muss klar, Warnfolie auf den Flächen angebracht sein. Skiklamotten, Daunenüberzieher für die Füße, Schal und Mütze – Kleidung, die auf dem Boden bei 15 Grad und Sonnenschein vollkommen übertrieben scheint – werden wir da oben brauchen.


Ich sitze im DuoDiscus auf dem hinteren Sitz. Tobi sitzt vorne – er hat deutlich mehr Flugerfahrung, besonders hier im Gebirge. Wir starten auf der Mistral-Bahn, die nur bei starkem Wind genutzt wird und ansonsten für Start und Landung viel zu kurz wäre. Der Wind ist stark, steht ein wenig cross zur Bahn und es ist ganz schön böig. Ich bin heilfroh, nicht in meiner nur 200kg leichten Libelle zu sitzen, die jetzt wahrscheinlich wie ein Fähnchen hinter der Schleppmaschine im Wind hinge.




Nach einem ersten kleinen Fauxpas im Start (…) finden wir direkt den Einstieg in die Welle. Und es geht schnell auf über 3000 Meter – so hoch, wie der Luftraum es hier zulässt. Bisher bin ich erst einmal Welle geflogen, aber ich erinnere mich noch genau daran, was mir damals in Österreich am besten gefallen hat und was ich an dieser Art der Fliegerei so faszinierend fand. Irgendwann kommt der Moment, in dem man das erste Mal eine Wolke neben sich sieht, an ihr vorbei steigt und sich irgendwann tatsächlich „über den Wolken“ wiederfindet. Hier fängt es für mich an, surreal zu werden.

Welle fliegen ist irgendwie etwas ganz anderes als Thermik fliegen...

Der Segelflieger, der Thermikflüge gewohnt ist, kennt Wolken nur von unten – im Grunde genau, wie jeder andere auch, nur mit etwas weniger Abstand zur Wolkenunterkante als der Fußgänger :)
Der zweite für mich vollkommen faszinierende Aspekt in der Welle ist die Stille. Vollkommen frei von Turbulenzen, wie wir sie heute Morgen am Boden so stark erlebt haben, gleiten wir auf fast 6000 Meter Höhe ohne merkliche Anstrengungen und Höhenverlust zig Kilometer von Gap gen Osten.
In großer Höhe gleiten wir über Seyne und Barcelonette zurück nach Süden (das Sperrgebiet über der Absturzstelle der Germanwings-Maschine ist höhenbegrenzt). Ein bisschen mulmig wird mir schon bei dem Gedanken, dass unter den Wolken unter mir vor weniger als einer Woche so viele Menschen ums Leben gekommen sind.

Dem stetig starken Nordwind haben wir zu verdanken, dass der „Rückweg“ nach Süden im Vergleich zum „Gebastel“ auf dem Hinweg ein Vergnügen wird. Schön auch an den Durchschnittsgeschwindigkeiten eines Schenkels Süd-Nord mit 35km/h und eines Schenkels Nord-Süd mit 165km/h zu erkennen (beide rund 50km lang). Zeitweise zeigte unser Rechner sogar eine Über-Grund-Geschwindigkeit mit negativem Vorzeichen an…

Lavendel, Flugzeuge und die "Chalets" am Flugplatz Puismoisson

Nach knapp fünf Stunden landen wir wieder in Puismoisson und ich beschließe, dass der Wind mir für einen Flug mit der Libelle zu stark ist. Die nächsten Tage sehen momentan in der Vorhersage nicht anders aus. Zum Glück hat die Provence mehr zu bieten als gute Segelflugbedingungen...

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